Fragwürdige Förderung: Bundesforschungsministerium vergibt 230.000 Euro für Entwicklung eines Schwangerschaftsfrühtests zur Down-Syndrom-Diagnose
Positive Tests auf Trisomie 21 führen Schätzungen zufolge schon jetzt in mehr als 90 Prozent der Fälle zum Schwangerschaftsabbruch.
(30.08.2011)
Konstanz / Berlin / Brüssel (ALfA). Das Bundesforschungsministerium fördert mit etwa 230.000 Euro ein Projekt zur "pränatalen Diagnostik genetischer Erkrankungen". Das Geld erhielt die Konstanzer Firma GATC Biotech AG für die Entwicklung eines Schwangerschaftsfrühtests, mit dem durch eine einfache Blutentnahme bei der werdenden Mutter geklärt werden kann, ob das ungeborene Kind das Down-Syndrom hat. Dies berichtete die Bundesvereinigung Lebenshilfe in einer Pressemitteilung vom 24. August. Der Test soll laut Ankündigung der Firma bereits zum Ende des Jahres auf den Markt kommen. Bisher war nur mittels einer Fruchtwasseruntersuchung, die mit dem Risiko einer Fehlgeburt verbunden ist, relativ sicher feststellbar, ob eine sogenannte Trisomie 21 vorliegt.
"Das neue Angebot erhöht den Druck auf Schwangere, sich testen zu lassen und die Schwangerschaft abzubrechen, falls das Kind das Down-Syndrom haben sollte", befürchtet der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Robert Antretter. "Fast zur gleichen Zeit, in dem dieses Projekt gefördert wurde, hat der Bundestag auf sehr hohem Niveau das Für und Wider der Präimplantationsdiagnostik (PID) diskutiert. Und alle Abgeordneten und Regierungsmitglieder haben in der Debatte den Wert behinderten Lebens betont. Wir sehen darin einen deutlichen Widerspruch, weil die Förderung de facto vermittelt, dass es behindertes Leben zu verhindern gilt", so Antretter weiter.
Positive Tests auf Trisomie 21 führen Schätzungen zufolge schon jetzt in mehr als 90 Prozent der Fälle zum Schwangerschaftsabbruch. Das Projekt, das unter dem Titel "Entwicklung und Evaluation eines neuen nicht-invasiven Verfahrens zur pränatalen Diagnostik genetischer Erkrankungen" gefördert wird, werde aller Voraussicht nach dazu führen, dass noch mehr Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden, befürchtet der Lebenshilfe-Bundesvorsitzende. Fragwürdig sei die öffentliche Förderung, die unter dem Dach der Initiative KMU-innovativ (KMU = kleinere und mittlere Unternehmen) läuft, auch deshalb, weil durch die GATC-Tochter LifeCodexx AG bei der Vermarktung dieses Tests erhebliche Gewinne angestrebt werden.
Keine Steuergelder für Förderung von Selektion
Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, bezeichnete gegenüber dem Berliner Tagesspiegel die Förderung eines Schwangerschaftsfrühtests auf das Down-Syndrom als "Behinderten-Diskriminierung in der schlimmsten Form". Bei dem mit Steuergeldern geförderten Verfahren gehe es "nicht um Therapie, sondern um Selektion", so Hüppe. Angesichts dessen, dass Menschen mit Down-Syndrom nicht therapierbar seien, handle es sich ganz offensichtlich um "Rasterfahndung, mit dem einzigen Ziel, Menschen mit Behinderung auszusortieren und zu töten". Dies mit öffentlichen Geldern zu fördern, sei "nicht hinnehmbar", kritisierte Hüppe dem Bericht zufolge.
Auch der CDU-Europaabgeordnete und Arzt Dr. med. Peter Liese kritisierte die Förderung des vorgeburtlichen Schwangerschaftstest. "Der neue Test wirft zahlreiche grundlegende ethische Fragen auf. Zwar ist es auf dem ersten Blick ein großer Vorteil, wenn eine vorgeburtliche Diagnostik mit weniger Risken für Mutter und Kind verbunden ist, als dies etwa bei Fruchtwasseruntersuchung oder PID der Fall ist. Dadurch steigt aber natürlich auch die Gefahr, den Test unkritisch anzuwenden. Durch das Arzthaftungsrecht werden heute schon Ärzte verurteilt, die nicht eindringlich genug vor der Geburt eines Kindes gewarnt haben. Dadurch nimmt auch der Druck auf schwangere Frauen zu. Wenn der Test leichter wird, wird auch der Druck weiter zunehmen und der Wert behinderten Lebens weiter infrage gestellt", erklärte Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion (Christdemokraten) im Europäischen Parlament, in einer Presseaussendung vom 26. August.
Öffentliche Diskussion dringend notwendig
Seiner Ansicht nach müsse man über den neuen Test zunächst breit und öffentlich diskutieren und auch einen besseren gesetzlichen Rahmen in Deutschland und der Europäischen Union schaffen, bevor man überhaupt über eine finanzielle Förderung nachdenkt. "Die Förderung durch das Ministerium ärgert mich besonders vor dem Hintergrund, dass viele gute Forschungsprojekte wegen der angespannten Haushaltslage nicht unterstützt werden. In einer Zeit, in der alle über Einsparmöglichkeiten diskutieren, sollte man eine solche Technik nicht unkritisch unterstützen", kritisiert Liese.
Der vorgeburtliche genetische Bluttest auf das Down-Syndrom dürfte nur die Spitze des Eisberges sein. Es ist zu befürchten, dass in den nächsten Jahren weitere solcher Tests für andere Krankheiten auf den Markt kommen werden. Damit werden das jüngste PID-Regelung und das Gendiagnostik-Gesetz in Frage gestellt. Mehr dazu in einem ausführlichen Beitrag in der ZEIT Nr. 34 vom 18.08.11, dem zugehörigen Kommentar dort und dem aktuellen Beitrag von Oliver Tolmein in seinem FAZ.NET-Blog Bioplitik (siehe unten).
"Die LifeCodexx AG verfolgt das Ziel der erfolgreichen Etablierung von "Next Generation Molecular Diagnostics" im europäischen Raum. Diese soll eine verbesserte Diagnostik für zielgerichtete, kosteneffiziente Therapien ermöglichen", heißt es in einer Pressemitteilung der Aktiengesellschaft vom 28. April 2010. Wenn die "kosteneffiziente Therapie" jedoch in der Beseitigung der Krankheitsträger mittels vorgeburtlicher Tötung nach Feststellung der Krankheit besteht, wie das bei Kindern mit Down-Syndrom meistens geschieht, dann sind das sehr fragwürdige Unternehmensziele. In jedem Fall dürfte es den Weg für eine eugenische Gesellschaft ebnen - gefördert mit Steuergeldern. Vielleicht animiert der Fall einige Leserinnen und Leser zu kritischen Nachfragen beim Forschungsministerium. Auf die Antworten dürfte man gespannt sein.
Weitere Informationen:
* Früher erkennen
Von Ulrich Bahnsen
Ein neuer Test weist Krankheiten bei ungeborenen Kindern nach - gefahrlos und schon in der 10. Woche. Diese Möglichkeit wird eine neue Debatte erzwingen.
DIE ZEIT Nr. 34, 18.08.11
* Lebenslügen
Erbguttest am Fötus
Von Ulrich Bahnsen
Ein neuer Test verrät Schwangeren alles über das Erbgut ihres Kindes. Eine Chance und eine ungeheuerliche Gefahr
DIE ZEIT Nr. 34, 18.08.11
* Molekulare Gentests: ethisch bedenklich, öffentlich gefördert
Oliver Tolmein
FAZ.NET Blog Biopolitik 26.08.11
* LifeCodexx AG
Dort gibt es ausführliche Informationen zum Unternehmen und ihre weiteren geplanten Tests.

